Beschäftigtentransfer – Beispiel guter Praxis
Transfergesellschaft – Optimale Lösung bei unvermeidbarem Personalabbau
Nach 125 Jahren ihres Bestehens musste die Aachener Kaiserbrunnen AG den Betrieb einstellen. 29 Beschäftigte, darunter viele gering qualifizierte, verloren ihren Arbeitsplatz. In dieser Situation entschieden sich Geschäftsleitung und Betriebsrat gemeinsam für die Gründung einer Transfergesellschaft. Der Vorteil: Das Unternehmen kann in Ruhe die Abwicklung organisieren und die Beschäftigten erhalten die Chance auf einen raschen Übergang in einen neuen sozialversicherungspflichtigen Job.
Hans-Günter Radermacher, Geschäftsführer der Kaiserbrunnen AG, bringt es auf den Punkt: „Ein Unternehmen auflösen zu müssen, das sich 125 Jahre erfolgreich am Markt behauptet hat - das ist eine Katastrophe!“ Jahrzehntelang hat das zuletzt von ihm geführte Aachener Traditionsunternehmen ordentliche Erträge erwirtschaftet, doch der unerbittliche Preis- und Konkurrenzdruck ließen ihm und den Gesellschaftern keine andere Wahl: „Wir mussten das Unternehmen auflösen. Weiteres Abwarten hätte nur in die Schuldenfalle und in die Insolvenz geführt. Doch wir wollten auch am Ende unserer langen Geschichte wie ehrbare Kaufleute handeln und haben uns deshalb entschlossen, den Betrieb rechtzeitig zu beenden.“
Dass bei der Kaiserbrunnen AG verantwortungsbewusste Manager am Werk sind sowie eine Personalvertretung, die ihre Aufgabe versteht, ist auch an deren gemeinsamer Entscheidung für die Gründung einer Transfergesellschaft zu erkennen: „Das schien uns die optimale Lösung, um unsere langjährigen Beschäftigten so schnell wie möglich wieder in neue sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse zu bringen.“
Individuelle Beratung
Transfergesellschaften – sie sind ein von der Bundesagentur für Arbeit gefördertes arbeitsmarktpolitisches Instrument, an dem sich auch unter bestimmten Voraussetzungen das Arbeitsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds beteiligt - schließen mit den von Arbeitslosigkeit bedrohten Beschäftigten einen auf maximal ein Jahr befristeten Arbeitsvertrag ab. In dieser Zeit werden sie von professionellen Coaches intensiv beraten, gegebenenfalls zusätzlich qualifiziert und schnellstmöglich in einen neuen Job vermittelt.
Träger der Transfergesellschaft im Fall Kaiserbrunnen AG ist die low tec gGmbH. Insgesamt 29 ehemalige Beschäftigte des Aachener Unternehmens bereiten sich hier auf ein neues Arbeitsverhältnis vor, darunter auch gut Qualifizierte mit kaufmännischer oder handwerklicher Ausbildung, vor allem aber An- und Ungelernte aus Produktion und Lagerwirtschaft, mit einem Durchschnittsalter von mehr als 45 Jahren. Sie am regulären Arbeitsmarkt zu vermitteln, ist keine leichte Aufgabe für die Beraterinnen und Berater der low tec, denn Stellen für Produktionshelfer sind rar. Am Beginn der Transferaktivitäten stand deshalb – parallel zum obligatorischen Bewerbungstraining - eine genaue Analyse der Ist-Situation eines jeden Einzelnen: Was kann ich? Welche konkreten Tätigkeiten habe ich bisher ausgeübt? Welche Arbeitsfelder kommen aufgrund meiner Fähigkeiten und Fertigkeiten unter Berücksichtigung des regionalen Arbeitsmarkts für mich in Betracht?
Bedarfsorientierte Qualifizierung
„Auf Basis dieser Erst-Analyse“, erläutert low-tec Mitarbeiterin Marlies Janhsen das Vorgehen, „ermitteln wir den Qualifizierungsbedarf, exakt abgestimmt auf jede einzelne Person.“ Für die besser Qualifizierten aus der kaufmännischen Verwaltung waren das Fortbildungen im Bereich der Warenwirtschaftssoftware (SAP und DATEV), für Elektriker Schulungen in Anlagen- und Steuerungstechnik (SPS).
Für die gering Qualifizierten standen der Erwerb eines Staplerscheins, eines Zertifikats für die Bedienung von Produktionsmaschinen oder eine EDV-Schulung auf dem Programm; Kenntnisse und Fertigkeiten, die im Bereich „Lager und Logistik“ heute unabdingbar sind.
Zwei ehemalige Beschäftigte der Kaiserbrunnen AG, beide weiblich, entdeckten nach intensiven Gesprächen und eingehenden Recherchen ein komplett neues Tätigkeitsfeld für sich: die Altenpflege. Da der Erwerb eines anerkannten Berufsabschlusses in der vergleichsweise kurzen Laufzeit einer Transfergesellschaft – ein Jahr – nicht möglich ist, absolvieren beide zurzeit eine Fortbildung als „Präsenzkraft“, betreuen ältere, pflegebedürftige Menschen im Haushalt, lesen ihnen vor oder begleiten sie bei Einkauf oder Behördengängen. Nach Abschluss dieser Qualifizierung, ist sich Beraterin Marlies Janhsen sicher, steigen ihre Chancen auf eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit im angestrebten Beruf, zumal ihre 13 Wochen umfassende Weiterbildung einen erheblichen Praxisanteil enthält.
Passgenaue Vermittlung
Das systematische, individuelle Vorgehen der Akteure zahlt sich offensichtlich aus. Drei Monate nach dem Start der Transfergesellschaft sind bereits sieben Personen vermittelt, darunter ein Betriebswirt und zwei Kaufleute, von denen einer zukünftig als Rendant für das Finanzcontrolling in einer Kirchengemeinde zuständig ist. Aber auch vier der gering Qualifizierten haben bereits ein neues sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis gefunden: in einem Getränkefachhandel bzw. als Fahrer bei einem Möbelhändler.
Zugute kommt der low-tec bei ihren Transferbemühungen ein Netzwerk kompetenter Partner: QualiTech, das Qualifizierungsunternehmen der Handwerkskammer gehört dazu, aber auch der TÜV oder die DEKRA. Ein weiteres Plus des Beschäftigungs- und Qualifizierungsträgers: Die umfangreichen Weiterbildungsangebote der low tec gGmbH selbst.
Sichere Arbeitsplätze
Die guten Vermittlungsergebnisse interessieren indes nicht nur die Arbeit Suchenden. Auch Kaiserbrunnen-Geschäftsführer Hans-Günter Radermacher erkundigt sich nach Aussage von Marlies Janhsen regelmäßig nach dem beruflichen Verbleib seiner ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Seinen Betrieb hat er offensichtlich noch immer nicht ganz abgeschrieben. Ein Segment daraus, ungefähr zehn Prozent des Gesamtsortiments, hält er unvermindert für marktfähig: Die „Kaiserquelle“, so Hans-Günter Radermacher, ist unter den deutschlandweit 700 Quellen „einzigartig“: „Hier hat sich das Wasser im Erdreich über einen Zeitraum von 10 000 Jahren – Eiszeitwasser mithin - in einem so optimalen Verhältnis mit Mineralien wie Kalzium, Magnesium und Natrium angereichert, dass ihm vom Klinikum Aachen medizinischer Charakter vor allem für die gesundheitsbewusste Generation 50 plus bescheinigt wird.“
Jetzt sucht der Geschäftsführer nach einem Investor, der die lukrativen Marktchancen erkennt. Hans-Günter Radermacher: „Das ist keine Phantasterei, sondern das Resultat fundierter betriebswirtschaftlicher Analysen.“ Dass der Geschäftsführer dabei nicht nur an den Fortbestand zumindest eines Teilbereichs des Unternehmens denkt, sondern zugleich an „die damit verbundenen Arbeitsplätze“, zeichnet ihn nicht nur als „ehrbaren Kaufmann“, sondern zugleich als „ehrbaren Arbeitgeber“ aus.




