Ausbildung mit Behinderung – Beispiel guter Praxis
Vom Förderschüler zur Fachkraft
Nach dem Abschluss der Förderschule für Menschen mit einer Sprachbehinderung konnte Volker Meyer zunächst keinen Ausbildungsplatz finden. Über die „Aktion 100“ ist es ihm aber dann gelungen, eine Ausbildung zum Landschaftsgärtner zu absolvieren. Nach bestandener Abschlussprüfung hat ihn sein Ausbildungsbetrieb unbefristet übernommen.
„Gärtner“ – das war der Wunschberuf von Volker Meyer nach seinem Hauptschulabschluss an einer Förderschule für sprachbehinderte Menschen. Einen Ausbildungsplatz suchte er jedoch vergeblich. Ursache dafür waren seine damaligen Sprachfindungsprobleme sowie seine Lese- und Schreibschwäche. Auch nach seinem Jahres-Praktikum in einem Betrieb des Garten- und Landschaftsbaus blieb die Suche nach einem Ausbildungsplatz ohne Erfolg. Hier half ihm die örtliche Arbeitsagentur mit einer Vermittlung in das Programm „Aktion 100“. Das ermöglichte ihm, mit dem Berufsförderungswerk (BFW) in Köln einen Ausbildungsvertrag abzuschließen.
Intensive Vorbereitung
Das BFW Köln, „Dienstleistungsunternehmen mit sozialpolitischem Auftrag“ und zertifizierter Weiterbildungsträger, ist seit mehr als vierzig Jahren Spezialist für alle Fragen rund um die Themen berufliche Rehabilitation und Integration in den Arbeitsmarkt. Im Rahmen der Aktion „100“ koordiniert die Einrichtung den gesamten Ausbildungsverlauf zwischen Lehrbetrieb, Berufskolleg und BFW.
Nach einem intensiven Erstgespräch mit dem Jugendlichen und einer umfassenden Stärken-Schwächen-Analyse zur Kompetenzfeststellung setzte sich Volker Meyer mit Unterstützung der Arbeitsmarkt- und Rehabilitationsfachleute des BFW intensiv mit dem Berufsbild „Gärtner“ auseinander. „Parallel dazu“, beschreibt BFW-Pädagogin Martina Kramm das Konzept zur Vorbereitung auf die spätere praktische Ausbildung in einem Betrieb des ersten Arbeitsmarkts, „stand Bewerbungstraining auf dem Programm. Zudem wollten wir herausfinden, ob für ihn eher ein großer oder ein kleinerer Betrieb für die praktische Ausbildung geeignet ist.“ Auf der Grundlage der dabei gewonnenen Erkenntnisse recherchierte sie beim „Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau“ (VGL) nach einem passenden Unternehmen.
Fündig wurde die BFW-Mitarbeiterin bei der Firma Nagelschmitz Garten- und Landschaftsbau GmbH in Erftstadt-Liblar mit 14 Beschäftigten und drei Auszubildenden. Hier erläuterte sie zunächst Geschäftsinhaber Franz-Josef Nagelschmitz Zweck und Vorgehensweise der Landesinitiative „Aktion 100“. Anschließend stellte sich Volker Meyer in einem Bewerbungsgespräch persönlich vor. Der Unternehmer signalisierte Zustimmung, wollte den Jugendlichen jedoch zunächst in einem zweiwöchigen Praktikum genauer kennen lernen.
Individuelle Unterstützung
Der kurze Zeitraum genügte Volker Meyer offensichtlich, seinen neuen Chef zu überzeugen, denn gleich im Anschluss daran unterzeichnete der Firmeninhaber einen Kooperationsvertrag mit dem BFW, denn der praktische Teil der Ausbildung erfolgt in der Firma Nagelschmitz. In den nächsten drei Jahren erlernte der Jugendliche hier das gesamte Tätigkeitsspektrum des Ausbildungsberufs: Von der Vorbereitung, Einrichtung und Vermessung von Baustellen über die Sanierung und Pflege von Böden, die Durchführung von Be- und Entwässerungsarbeiten bis hin zum Pflastern und der Herstellung befestigter Flächen sowie der Pflanzung von Gehölzen, Stauden und Sommerblumen.
Besonders intensive Unterstützung fand Volker Meyer dabei bei Alexander Müller, staatlich geprüfter Techniker und Ausbilder der Firma. Er brachte viel Verständnis auf für die Sprachfindungsprobleme und die Lese- und Schreibschwäche des Jugendlichen. Alexander Müller nennt ein Beispiel: „Die Auszubildenden müssen jede Woche ein ausführliches Berichtsheft führen. Mitunter mangelte es dabei an der Fähigkeit, die passenden Worte zu finden. Mir kam es in diesen Fällen immer darauf an, dass er sich zunächst mit den Arbeitsinhalten auseinandersetzte. Erst anschließend haben wir uns gemeinsam um Formulierungen, Rechtschreibung und Grammatik gekümmert.“
Nicht unproblematisch wirkten sich in der Anfangsphase die Sprachfindungsprobleme beim Kundenkontakt aus. Der Ausbilder: „Volker verhielt sich zurückhaltend, abwartend, zögernd. Wir haben ihm zu verstehen gegeben, dass er bei Problemen jederzeit mich oder den Chef persönlich hinzuziehen kann. So wusste er, dass er nie allein da steht.“ Die persönliche und unmittelbare Unterstützung im Arbeitsalltag weiß Volker Meyer nicht erst heute zu schätzen: „In meinem Beruf muss ich viel auswendig lernen, das ist mir nicht immer leicht gefallen. Wegen dieser Schwierigkeiten ist mein Ausbilder öfter sogar in seiner Freizeit mit mir in den Botanischen Garten nach Köln gefahren. Dort hat er mit mir über die Blütezeit der Pflanzen gesprochen und erklärt, wie sie zu pflegen sind. Den Großteil meiner heutigen Pflanzenkenntnisse habe ich mir hier in der Praxis angeeignet. Mein Ausbilder und der Betrieb insgesamt haben mich wirklich in allen Belangen bestens unterstützt.“
Dabei hatte sein Ausbilder anfangs daran gedacht, zusätzlich den vom BFW angebotenen Stütz- und Förderunterricht für Volker Meyer in Anspruch zu nehmen. „Aber dann haben wir schnell gemerkt, dass ihm das Lernen in der Praxis deutlich mehr bringt“. Wie richtig diese Einschätzung war, beweisen die Ergebnisse der Ausbildungsabschlussprüfung: Die beste Note erzielte Volker Meyer im Bereich „Pflanzenkenntnisse“.
Unbefristeter Vertrag
Gleich nach der Prüfung stand für Firmenchef Franz-Josef Nagelschmitz die Entscheidung fest: Volker Meyer wird übernommen, und zwar unbefristet, eine Probezeit ist nicht erforderlich. Der Unternehmer: „Wenn ich den Jugendlichen in drei Jahren nicht richtig kennen gelernt habe, dann schaffe ich das auch im vierten nicht.“
Sein Engagement im Rahmen der „Aktion 100“ ist übrigens keine Ausnahmeerscheinung. Schon seit Jahren bietet der Unternehmer schwer vermittelbaren Jugendlichen aus verschiedenen Maßnahmen Praktikumsplätze an: „Wir sagen den Jugendlichen ganz klar: Wir haben Verständnis für Eure Schwierigkeiten und wir setzen uns auch für Euch ein, aber Ihr müsst lernen wollen.“ Volker Meyer hat gelernt: „Er hat sich gut eingearbeitet und ist im Ausbildungsverlauf immer sicherer geworden. Der Erfolg in der praktischen Alltagsarbeit hat auch seine Sprachfindungsprobleme deutlich gemildert. Ihn fest einzustellen, war für mich deshalb keine Frage.“
Allerdings erfolgte die Festeinstellung unter einer Bedingung: Volker Meyer musste den Führerschein Klasse II erwerben, nur so kann er die schweren Transportfahrzeuge der Firma steuern. Finanziert hat den Führerschein die örtliche Arbeitsagentur. Franz-Josef Nagelschmitz, zugleich Sprecher des VGL auf Bezirksebene: „Das ist eine sinnvolle Investition, denn mit dem Führerschein hat der Jugendliche praktisch eine Arbeitsplatzgarantie. Aufgrund meiner Verbandstätigkeiten weiß ich, dass viele Unternehmen Fachkräfte suchen. Deshalb müssen wir Volker Meyer heute fast an die Kette legen, damit ihn andere Betriebe nicht abwerben. Wir sind jedenfalls froh, über die „Aktion 100“ eine gut ausgebildete Fachkraft gefunden haben.“




