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Ausbildung mit Behinderung – Beispiel guter Praxis

Gestartet: Ausbildung zur Augenoptikerin

Lange Zeit hatte sich Tanja Kudras nach ihrem Schulabschluss vergeblich um einen Ausbildungsplatz bemüht. Firmen, bei denen sie sich beworben hatte, begründeten ihre Absagen mit der Hörbehinderung der heute 21-jährigen, die seit ihrem 6. Lebensjahr an beiden Ohren ein Hörgerät tragen muss. Über die „Aktion 100“ hat sie ihr Ziel aber jetzt erreicht: In der Dortmunder YOU-OPTIK Landfester GmbH lässt sie sich zur Augenoptikerin ausbilden.

Tanja Kudras wollte Krankenschwester werden, nachdem sie am Berufskolleg die Fachoberschulreife erworben hatte. Doch alle Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz blieben erfolglos. Begründet wurden die Absagen potentieller Arbeitgeber meist mit Hinweis auf ihre Schwerhörigkeit. Da schlug ihr ein Reha-Berater der Agentur für Arbeit in Hamm vor an der „Aktion 100“ teilzunehmen und vermittelte sie an das zuständige Berufsförderungswerk Hamm (BFW).

Fundierte Berufswahl

Hier im Berufsförderungswerk prüfen die zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gemeinsam mit dem Reha-Berater der Arbeitsagentur Hamm, wie die Jugendlichen oder jungen Erwachsenen unter den gegebenen Rahmenbedingungen konkret im Rahmen der „Aktion 100“ ausgebildet werden können. „Das ist unverzichtbar“, begründet BFW-Fallmanagerin und Diplom-Pädagogin Renate Gesch das Prozedere, „die jungen Menschen, die an der Aktion teilnehmen, steigen bis zu einem halben Jahr später in das Berufsschuljahr ein. Als Quereinsteiger müssen sie recht leistungsstark und besonders motiviert sein, um den verpassten Unterrichtsstoff nachholen zu können.“ Leistungsstark und motiviert – auf Tanja Kudras treffen die Attribute zu, urteilten die Casemanager des BFW Hamm und bahnten den Weg in die unterstützte betriebliche Ausbildung.

Ihren ursprünglich angestrebten Berufswunsch hatte Tanja Kudras zu diesem Zeitpunkt bereits aufgegeben, ein neues Berufsziel aber stand noch nicht fest. „Unter Berücksichtigung des Schulabschlusses, des Zeugnisses und ihrer Interessenlage“, beschreibt BFW-Mitarbeiterin Renate Gesch den Entscheidungsprozess, „hat sich Tanja Kudras nach eingehender Beratung durch das Reha-Fachteam für den Beruf der Augenoptikerin entschieden.“ Ein Resultat, zu dem die Auszubildende hundertprozentig steht: „Die Beratung war sehr hilfreich. Das BFW hat nach meinen Wünschen und Interessen gefragt, gleichzeitig aber auch meine Eignung sowie die Berufsaussichten geprüft und berücksichtigt.“

Unmittelbar danach schloss das BFW mit ihr einen Ausbildungsvertrag ab, meldete sie beim Berufskolleg an und akquirierte einen Kooperationsbetrieb, in dem der praktische Teil der Ausbildung erfolgt. Die Wahl fiel auf die You Optik Landfester GmbH in Dortmund, Dienstleister für Augenprüfungen mit modernster Technik und Hersteller von Spezialbrillen zum Tragen beim Sport oder an Computerarbeitsplätzen – gefertigt in der firmeneigenen Meisterwerkstatt.

Praxisnahe Ausbildung im Betrieb

Seit mehr als 15 Jahren managt Geschäftsführer Bodo Landfester das Unternehmen mit seinen vier Filialen und insgesamt 18 Beschäftigten. Probleme bei der Ausbildung von Menschen mit Behinderung sieht er nicht: „Wir haben schon einmal einen jungen Mann ausgebildet, der völlig taub war. Das hat trotzdem bestens funktioniert. Mitunter müssen alle Beteiligten ein bisschen Rücksicht nehmen, aber von einem Mehraufwand für den Betrieb kann keine Rede sein. Entscheidend ist vielmehr, dass der junge Mensch charakterlich und hinsichtlich seiner Leistungsbereitschaft zum Unternehmen passt.“ Sein Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des BFW Hamm hat ihm die Entscheidung zur Mitwirkung an der „Aktion 100“ zusätzlich erleichtert: „Dort ausgebildete Augenoptikerinnen haben wir schon öfter in unserem Betrieb fest angestellt. Mit unseren Entscheidungen lagen wir dabei immer richtig.“

Tatsächlich gestaltet sich auch der Ausbildungsverlauf von Tanja Kudras in der You Optik Landfester GmbH nach Auskunft des Unternehmers bislang durchweg positiv. Nachdem sie in der firmeneigenen Lehrwerkstatt vom „Anzeichnen, Aufblocken, Schleifen und Einsetzen der Gläser“ bis hin zu deren Reparatur die unterschiedlichsten Tätigkeiten einer Augenoptikerin kennen gelernt hat, ist sie jetzt in der Dortmunder Zentrale tätig. Hier steht die Beratung der Kundinnen und Kunden im Vordergrund: „Im Kundengespräch muss ich herausfinden“, konkretisiert Tanja Kudras ihr Tätigkeitsfeld, „wofür genau der Kunde eine Brille braucht, ob er eine oder mehrere benötigt oder vielleicht sogar spezielle, die er beim Sport oder an einem bestimmten Arbeitsplatz tragen kann. Anschließend suchen wir gemeinsam die passende Brille aus – was nicht zuletzt von den Glasstärken abhängig ist.“

Von ihrem Ausbildungsberuf ist die junge Frau „begeistert“: „Die Verkaufsgespräche machen mir großen Spaß, die Kolleginnen und Kollegen sind sehr hilfsbereit und geben mir täglich wertvolle Anregungen.“ Ihre Schwerhörigkeit sieht sie bei der Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit nicht als gravierendes Handicap: „Wenn ein Kunde mal besonders leise spricht, dann frage ich nach.“ Auch ihr Chef Bodo Landfester sieht „keinerlei Beeinträchtigungen oder Hindernisse im Alltagsgeschäft“.

Förderunterricht und sozialpädagogische Begleitung

Während der gesamten Ausbildung steht das Berufsförderungswerk mit Rat und Tat zur Seite – sowohl dem Betrieb, als auch der Auszubildenden. So bietet das BFW den Jugendlichen und jungen Erwachsenen der „Aktion 100“, falls nötig, sozialpädagogische Unterstützung bei privaten Fragen oder bei Problemen im sozialen Umfeld. Renate Gesch: „Wenn sich die Auszubildenden etwa eine eigene Wohnung nehmen, begleiten wir sie auf ihrem Weg in die Selbständigkeit.“ Bei Tanja Kudras ist diese Art von Unterstützung nicht nötig: „Sie ist eigenständig und findet bei Bedarf Hilfe in ihrer Familie.“

Den vom BFW angebotenen Förderunterricht an einem Vormittag in der Woche nimmt Tanja Kudras gerne in Anspruch. Unterrichtsgegenstand sind hier die „Technologie der Sehhilfen“, „Korrekturen von Fehlsichtigkeiten“ sowie die „Beurteilung und Analysen von Fehlzentrierungen“. Tanja Kudras: „Beim Thema Konstruktionsstrahlen oder beim Berechnen des Scheitelbrechwerts spielt Mathematik eine entscheidende Rolle. Da kann ein zusätzliches Üben im Förderunterricht nicht schaden!“

Über ihren Leistungsstand in der Berufsschule ist das BFW jederzeit informiert, Gleiches gilt für ihre Leistungen im Betrieb. Ob You Optik die Auszubildende nach bestandener Prüfung übernehmen wird – da will sich der Unternehmer noch nicht festlegen: „Das hängt von unserem zukünftigen Fachkräftebedarf ab und der ist heute noch nicht absehbar.“ Klar beantworten kann er aber schon jetzt die Frage, ob Tanja Kudras trotz ihrer Hörbehinderung für den Beruf der Augenoptikerin geeignet ist. Die Antwort ist kurz und präzise: „Auf jeden Fall!“

 

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