Landesprogramm „Integration unternehmen!“ – Dokumentation zur Auftaktveranstaltung
„Integration unternehmen! – Ein Programm mit Zukunft“
Auftaktveranstaltung zum Landesprogramm
Die selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen am regulären Arbeitsleben und am gesellschaftlichen Leben ist das Ziel der Landesregierung Nordrhein-Westfalen. Hier leisten die Integrationsunternehmen einen wertvollen Beitrag. Gemeinsam mit den Landschaftsverbänden Rheinland und Westfalen-Lippe wurde 2008 das Landesprogramm „Integration unternehmen!“ ins Leben gerufen. In der dreijährigen Pilotphase sind so mehr als 1.000 zusätzliche Arbeitsplätze für Menschen mit schweren Behinderungen entstanden. Jetzt wird das Landesprogramm fortgesetzt und in eine Regelförderung übernommen. Nächstes Ziel: Jedes Jahr 250 neue Arbeitsplätze für Menschen mit Handicap in Integrationsunternehmen. Am 12.10.2011 fand in Düsseldorf die Auftaktveranstaltung statt: „Integration unternehmen! – Ein Programm mit Zukunft“.
„Weil Erfolg überzeugt!“ - so begründete NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider in seiner Eröffnungsrede kurz und präzise die Entscheidung des Landes Nordrhein-Westfalen, das Programm „Integration unternehmen!“ in ein Regelprogramm zu überführen. Den Erfolg konnte der Minister exakt beziffern: 1.183 zusätzliche Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung, gleichzeitig hat sich die Zahl der Integrationsunternehmen verdoppelt. Mittlerweile gibt es in Nordrhein-Westfalen schon 200 Integrationsunternehmen mit 2.300 Arbeitsplätzen für Menschen mit Handicap. Zehn Millionen Euro hat das Land dafür zur Verfügung gestellt. Fazit des Ministers: „Die Investition hat sich gelohnt!“
Umfassende Inklusionsstrategie
Auch wenn das Landesprogramm „Integration unternehmen!“ im Mittelpunkt der Auftaktveranstaltung stand: Arbeitsminister Guntram Schneider wies ergänzend auf die nicht minder erfolgreiche Aktion „100 zusätzliche Ausbildungsplätze für behinderte Jugendliche und junge Erwachsene in NRW“ hin. Mit ihr erhielten bislang mehr als 540 junge Menschen mit Handicap in NRW eine Ausbildungschance. Gleichzeitig hob Guntram Schneider, der zuvor auf seiner „Inklusionstour“ durch Nordrhein-Westfalen die unterschiedlichsten Angebote für Menschen mit Behinderung aus eigener Anschauung kennen gelernt hatte, die Bedeutung der Werkstätten für behinderte Menschen hervor, die mit über 61.500 Arbeitsplätzen die Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben ermöglichen. Nicht unerwähnt ließ er, dass in Nordrhein-Westfalen, anders als in den übrigen Bundesländern, auch schwerst- und mehrfach behinderte Menschen in die Werkstatt aufgenommen werden.
Das alles zeigt: NRW fängt nicht bei Null an, wenn es bei der ressortübergreifenden Erarbeitung des Aktionsplans „Eine Gesellschaft für alle - NRW inklusiv“ darum geht, das Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention - die umfassende und gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen in Wirtschaft und Gesellschaft - umzusetzen. „Gerade auch für die Bereiche „Arbeit“ und „Berufsqualifizierung“, versprach der Minister, „werden vielfältige Maßnahmen in unserem Aktionsplan erscheinen.“
Marktfähigkeit und soziale Verantwortung
Die Veranstaltung in der Düsseldorfer Turbinenhalle diente nicht nur der Bilanzierung. Nach Übergabe der Bewilligungsbescheide an neue Integrationsprojekte - die Diversa gGmbH in Moers und die Grobe GmbH & Co. KG in Dortmund - diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und unternehmerischer Praxis über die Chancen und Herausforderungen bei der Umsetzung des Landesprogramms.
Zunächst kam Hans Tamse, Schwerbehindertenvertreter und stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der ThyssenKrupp MillServices & Systems GmbH (TKMSS) zu Wort. Er hatte in seinem Betrieb die Einrichtung einer Integrationsabteilung initiiert. Heute arbeiten hier vier schwerbehinderte, zuvor langzeitarbeitslose Mitarbeiter. Sie versorgen ihre Kollegen an den Hochöfen regelmäßig mit Mineralwasser und Schutzanzügen und übernehmen zugleich die Reinigung der eigens dafür angeschafften Transporter sowie die Bedienung von Kehrmaschinen. Entlastet wurden dadurch die Schichtmeister, die früher einen Teil dieser Tätigkeiten mit erledigt hatten. Somit steigert die neue Organisation die Produktivität des Unternehmens. Die guten Erfahrungen mit den behinderten Beschäftigten zeigen Wirkung: Der Aufbau einer weiteren Integrationsabteilung ist geplant.
Unterstützung bei der Auswahl geeigneten Personals für die neu geschaffenen Arbeitsplätze fand die TKMSS beim Integrationsfachdienst. Integrationsfachdienste arbeiten im Auftrag der Landschaftsverbände. Martina Hoffmann-Badache, Dezernentin für Soziales und Integration des Landschaftsverbands Rheinland, und Matthias Münning, Sozialdezernent des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe – waren sich einig: „Der Wille, mit behinderten Menschen zu arbeiten, muss vorhanden sein, bei allem Weiteren helfen wir!“
Doch die Bereitschaft, mit behinderten Menschen zusammen zu arbeiten, genügt nicht, stellte Claudia Meierjohann, zweite Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Integrationsfirmen, klar: „Auch Integrationsprojekte müssen sich eigenständig am Markt behaupten.“ Dass ihnen das auch während der jüngsten Wirtschaftskrise gelungen ist, führte sie auf die Prüfungen der Wirtschaftlichkeitsberechnungen vor Projektgründung durch die Bewilligungsbehörden zurück. Das gleich lautende Urteil der anwesenden Fachleute: „Die Entwicklung der letzten drei Jahre, angestoßen durch das Landesprogramm, ist weitaus besser als ursprünglich erwartet, aber noch immer gibt es viel zu wenig Integrationsunternehmen und - abteilungen.“ Eine Auffassung, die Roland Matzdorf, Leiter der Abteilung Arbeit im MAIS, uneingeschränkt teilte: „Trotz wachsender Zahl sind Integrationsprojekte Exoten im Wirtschafts- und Arbeitsleben, von einer Normalität sind wir bei der Inklusion behinderter Menschen noch weit entfernt.“
Berichte aus der Praxis
In einer zweiten Podiumsrunde berichteten Vertreterinnen und Vertreter von Integrationsunternehmen und des Integrationsfachfachdienstes Borken-Coesfeld aus der Praxis. Auch nach ihrer Auffassung haben viel mehr Unternehmen „Passagen in ihren Wertschöpfungsketten“, die sich etwa zur Umwandlung in Integrationsabteilungen eignen. Doch nicht nur die Geschäftsführungen, hieß es, müssen hinter der Entscheidung für Integrationsprojekte stehen, sondern auch die Beschäftigten. Anfängliche „Berührungsängste“ - „Wie spreche ich mit einem psychisch behinderten Menschen?“ - lösen sich nach einer gewissen Zeit der Zusammenarbeit auf und auch die verbreitete Skepsis, behinderte Menschen könnten aufgrund vermeintlicher Minderleistung zu einer zusätzlichen Belastung der Belegschaft führen, hält der Wirklichkeit nicht stand. Denn: Wie alle anderen Beschäftigten entwickeln sich auch behinderte Menschen bei der Arbeit und sind nach der Einarbeitungszeit voll einsatzfähig.
Vorausgesetzt, sie sind auf Arbeitsplätzen eingesetzt, für die sie geeignet sind. Dafür sorgen, wie im Fall der TKMSS, die Integrationsfachdienste in Kooperation mit den Betrieben. Lobende Worte fanden die Integrationsunternehmer in diesem Kontext auch für die Unterstützungsleistungen der Landschaftsverbände sowie für die Erstberatung der Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.). Besonders zu betonen ist aus Sicht der Unternehmer der Imagegewinn, der sich in Folge der Beschäftigung behinderter Menschen einstellt: „Privatkunden honorieren das genauso wie große Industrieunternehmen.“
Plädoyer für öffentlich geförderte Beschäftigung
Damit drängt sich die Frage auf: Wenn die Integration von Menschen mit Behinderung so gut funktioniert, warum dann nicht die Organisationsprinzipien des Programms - von der Unterstützung bis hin zu Lohnkostenzuschüssen als Minderleistungsausgleich - auf Personen mit anderen Vermittlungshemmnissen übertragen, auf Ältere zum Beispiel oder Menschen, die schon seit Jahren arbeitslos sind? Eine Überlegung, die zurzeit das nordrhein-westfälische Arbeitsministerium beschäftigt, wie Roland Matzdorf noch während der ersten Podiumsdiskussion mitgeteilt hatte. Er zeigte sich beeindruckt von den Erfolgen der Integrationsfirmen bei der Eingliederung am Arbeitsmarkt benachteiligter Menschen in betriebliche Arbeitsprozesse: „Sie zeigen, dass es geht und wie es geht“.
Zur Finanzierung solcher Lohnkostenzuschüsse sprach er sich für eine Kombination aus öffentlichen Mitteln und umzuwandelnden Versicherungsleistungen aus, also für eine aktive Arbeitsmarktpolitik, von der sich der Bund derzeit - „leider“ – verabschiedet. Roland Matzdorf: „Statt Menschen in die Untätigkeit oder gar in die Schwarzarbeit zu drängen, ist es mit Blick auf den Einzelnen humaner und aus Sicht der Gesellschaft produktiver, benachteiligte Personengruppen in geeignete Firmen oder auch bei kompetenten Trägern zu integrieren und den Arbeitgebern einen Minderleistungsausgleich zu zahlen.“ Ein Plädoyer für öffentlich geförderte Beschäftigung, das - nimmt man den Beifall des Publikums als Maßstab - genauso überzeugte wie der Erfolg der Integrationsprojekte.


