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Brücken bauen in den Beruf – Dokumentation des Werkstattgesprächs

Gute Arbeit für Frauen statt prekärer Beschäftigung
Werkstattgespräch informiert zu Beschäftigungsrisiken und erörtert Handlungsmöglichkeiten

Immer mehr, auch gut qualifizierte Frauen arbeiten in prekären Arbeitsverhältnissen, die von Niedriglohn, Befristung, ungewollter Teilzeit oder Minijobs geprägt sind und hohe Armutsrisiken bergen. Das Lohnhallengespräch im Rahmen des ESF-geförderten Handlungsprogramms „Brücken bauen in den Beruf“ beschäftigte sich mit aktuellen Entwicklungstrends und stellte Handlungsmöglichkeiten zur Diskussion. Rund 100 arbeitsmarktpolitische Akteurinnen (und Akteure) nahmen an der Veranstaltung teil. Im Mittelpunkt stand die Frage: Wie lässt sich „gute Arbeit“ für Frauen schaffen und sicherstellen? Die Veranstaltung wurde vom nordrhein-westfälischen Arbeitsministerium zusammen mit dem DGB NRW und der G.I.B. veranstaltet und fand in der Lohnhalle der G.I.B. in Bottrop statt.

Das nordrhein-westfälische Handlungsprogramm „Brücken bauen in den Beruf“ verbindet eine Reihe von Angeboten, um die Berufsrückkehr und Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt zu verbessern. Die Werkstattreihe ist dabei ein wichtiger Eckpfeiler und befördert die Diskussion unter den beteiligten arbeitsmarktpolitischen Akteurinnen und Akteuren, die Frauen in der beruflichen Entwicklung und zur Arbeitsmarktintegration beraten und unterstützen.

Prinzip „Gute Arbeit“ – zentrales Anliegen der Landesregierung

Unter dem Titel „Gute Arbeit für Frauen statt prekärer Beschäftigung“ thematisierte die Veranstaltung in Bottrop ein zentrales Anliegen der Landesregierung. Das Prinzip „Gute Arbeit“, so Ulrike Metzner-Imiela vom Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales, sei in der Koalitionsvereinbarung festgeschrieben und solle in allen Bereichen der Wirtschaft durchgesetzt werden. Dazu zählten dauerhafte Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen, faire Bezahlung und wirksame Mitbestimmung. Demgegenüber seien Verunsicherungs- und Prekarisierungsprozesse zu beobachten, von denen insbesondere Frauen betroffen seien, vor allem in Dienstleistungsbereichen wie Pflege, Soziales und Gesundheit.

„Teilzeitarbeit droht immer mehr zu einer prekären Arbeit zu werden“, sagte die Vertreterin des Arbeitsministeriums und verwies auf erste Gegenmaßnahmen. Die Gewerkschaften haben mit dem Index für Gute Arbeit eine „beispielhafte Initiative“ entwickelt und die Landesregierung sei mit Gesetzesinitiativen etwa zu Minijobs oder zum Mindestlohn aktiv geworden. „Daran müssen wir anknüpfen und Prekarisierungstendenzen gemeinschaftlich entgegenwirken. Zusammen mit den Gewerkschaften und den Akteurinnen und Akteuren in den Regionen wollen wir neue Wege entwickeln und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.“

Teilzeitarbeit und geringfügige Beschäftigung – Frauen in NRW besonders betroffen

Prekäre Entwicklungen in der Erwerbssituation von Frauen in Nordrhein-Westfalen erläuterte G.I.B.-Beraterin Karin Linde anhand des aktuellen NRW-Sonderberichts zur Situation von Frauen am Arbeitsmarkt. Demnach hat die Erwerbstätigkeit von Frauen in Nordrhein-Westfalen trotz Krise kontinuierlich zugenommen, aber in erster Linie auf Grund wachsender Teilzeitarbeit und geringfügiger Beschäftigung.

Mit 23 Prozent gibt es in Nordrhein-Westfalen sogar einen besonders hohen Anteil von Frauen, die ausschließlich geringfügig beschäftigt sind. Fast jede vierte erwerbstätige Frau, so Karin Linde, arbeite mittlerweile in Minijobs oder ähnlichen unsicheren Beschäftigungsformen, die zudem häufig schlecht entlohnt und für die eigenständige Altersvorsorge kaum geeignet seien. Wie Untersuchungen zeigen, handelt es sich vielfach um „ungewollte Teilzeitarbeit“. „In NRW haben wir 235.000 Teilzeitbeschäftigte, die lieber Vollzeit arbeiten würden“, berichtete die G.I.B.-Beraterin. Das sei ein Hinweis auf Unzufriedenheit, aber auch auf Potentiale, die mit Blick auf den Fachkräftemangel auszuschöpfen seien.

„Gerecht geht anders“ – Hohes Armutsrisiko für Frauen

„Die Arbeitslosigkeit ist zurück gegangen, verloren hat die Qualität von Arbeit“, konstatierte Carmen Tietjen vom DGB NRW zur aktuellen Beschäftigungssituation von Frauen. Es sei unverantwortlich, Frauen, darunter viele gut qualifizierte, weiterhin in prekäre Beschäftigung und Minijobs abzudrängen. Mit Blick auf eine eigenständige Existenzsicherung sei vor allem der Niedriglohn „rigoros einzudämmen“, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern und mehr Vollzeitarbeit für Frauen zu ermöglichen. „Einkommen aus Minijobs und Teilzeitarbeit sind längst keine Hinzuverdienst mehr, sondern tragen wesentlich zum Familieneinkommen bei“, so Carmen Tietjen.

In ihrem Beitrag verwies sie auf das hohe Armutsrisiko von Frauen. „Rund die Hälfte der Teilzeitbeschäftigten erhält ein Bruttoeinkommen von weniger als 800 Euro im Monat.“ Damit sei es nahezu unmöglich, eine Familie zu ernähren oder eine eigenständige Alterssicherung aufzubauen. „Die Altersarmut wird unter diesen Bedingungen überwiegend weiblich sein“, prognostizierte die Gewerkschaftsvertreterin. Ihr Fazit: „Gerecht geht anders.“

Prekarisierungstendenzen im Lebenszusammenhang

Unter dem Begriff der Prekarisierung werden vielfältige Phänomene zusammengefasst, die nicht nur unsichere, niedrig entlohnte Arbeitsverhältnisse erfassen, sondern die Lebenszusammenhänge der Menschen insgesamt betreffen. Häufig entscheide sich erst im Lebensverlauf, in der biografischen Perspektive, welche Bedeutung prekäre Beschäftigungsverhältnisse auf die Einzelnen haben, so Christina Klenner vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung. In ihrem Referat analysierte sie ausführlich frauentypische Prekarisierungstendenzen.

Am Beispiel einer alleinerziehenden Krankenschwester, die „nur“ als Personaldisponentin in einer Leiharbeitsfirma im Gesundheitswesen eine Stelle fand, skizzierte die Wissenschaftlerin, wie sich Prekarisierungstendenzen auch innerhalb scheinbarer Normalarbeitsverhältnisse vollziehen und die gesamte Lebenslage in Mitleidenschaft ziehen können: Durch extreme Arbeitsbelastung, entgrenzte Verfügbarkeit bei gleichzeitig geringem persönlichen Spielraum und ohne kommunale Unterstützung für familiäre Sorgearbeit oder berufliche Weiterentwicklung.

Orientiert am Europäischen Leitbild einer eigenständigen Existenzsicherung für alle Frauen und Männer sei eine gesellschaftliche Debatte über „neue Normalstandards für Arbeit“ notwendig, so Christina Klenner in ihrem Resümee. Dabei seien nicht nur die Erwerbsarbeitsbedingungen, sondern auch die Lebenszusammenhänge beider Geschlechter zu berücksichtigen.

Familienernährerinnen – zwischen alten Rollenmodellen und neuen Lebensperspektiven

Durch Prekarisierungsprozesse, zum Beispiel durch Arbeitslosigkeit des Mannes, können Haushaltskonstellationen entstehen, die Frauen zu Familienernährerinnen machen und damit das traditionelle Geschlechterarrangement vom männlichen Hauptverdiener in Frage stellen. Als „Familienernährerinnen“ werden Frauen bezeichnet, die mit ihrem Einkommen den Hauptanteil, mindestens 60 Prozent, des Familieneinkommens verdienen. In Westdeutschland trifft das auf zehn Prozent der Paarhaushalte zu, gilt aber auch für die wachsende Zahl der Alleinerziehenden-Haushalte und damit für immerhin 18 Prozent aller Familienhaushalte.

Sabine Neukirch von der Universität Duisburg-Essen stellte die Ergebnisse zweier Studien zu diesem vergleichsweise neuen Phänomen vor. Untersucht wurde dabei, unter welchen Bedingungen die Familienernährerinnen Einkommenserwerb und Fürsorgearbeit vereinbaren und welchen Einfluss dies auf das Rollenverständnis und das Aushandeln eines neuen Geschlechterarrangements hat. Nach den Ergebnissen lassen sich drei Gruppen von Familienernährerinnen identifizieren. Dabei überwiegt die Gruppe der „widerstrebenden Familienernährerin“, die eher unfreiwillig und durch Teilzeit oder Minijobs zum Hauptfamilieneinkommen beiträgt. Deren Lebenssituation, so Sabine Neukirch, lasse sich als „überwiegend prekär“ bezeichnen und biete wenig Gestaltungsoptionen für Veränderungen.

Wachsender Dienstleistungsbereich und Niedriglohn – Chancen für bessere Bezahlung?

Viele Jobs, aber wenig Geld und geringe Aufstiegsmöglichkeiten: Claudia Weinkopf, Forschungsleiterin am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen, beschäftigte sich in ihrem Referat mit den Arbeits- und Einkommensverhältnissen im Dienstleistungssektor – einem Bereich, in dem mit knapp 70 Prozent nicht nur überwiegend viele Frauen arbeiten, sondern auch atypische, prekäre Arbeitsverhältnisse, Minijobs und Niedriglöhne weit verbreitet sind.

Fast jede dritte Frau arbeite inzwischen für einen Niedriglohn, so Claudia Weinkopf, und fast 80 Prozent der Niedriglohn-Beschäftigten haben eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen akademischen Abschluss. Wie gravierend das Problem des Niedriglohnes sei, zeige sich auch daran, dass keineswegs Randgruppen, sondern zunehmend die „Kern-Erwerbstätigen im mittleren Alter“ betroffen seien. „In manchen Dienstleistungsbereichen ist der Minijob zum Normaljob geworden. Der Wechsel in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung scheint gerade für Frauen schwierig bis unmöglich.“

Als Maßnahme für mehr Chancengleichheit und „gute Arbeit für Frauen“ plädierte Claudia Weinkopf für ein Bündel unterschiedlicher Aktionen, an zentraler Stelle: die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns und mehr branchenbezogene Lohnuntergrenzen. Schon allein dadurch hätten Frauen deutlich häufiger als Männer Anspruch auf eine Lohnerhöhung.

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