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Online-Special Alleinerziehende in Nordrhein-Westfalen - Interview

„Die Motivation in Arbeit zu kommen ist groß“ - Berufliche Integration von alleinerziehenden Frauen im Oberbergischen Kreis

Alleinerziehende haben es auf dem Arbeitsmarkt häufig besonders schwer, eine berufliche Tätigkeit zu finden, und sie bleiben länger als alle anderen Empfängergruppen im Leistungsbezug von Arbeitslosengeld II. Auf einer Fachveranstaltung im Rahmen des ESF geförderten Programms „Brücken bauen in den Beruf“ stellte Professor Siegfried Stumpf, Direktor des Betriebswirtschaftlichen Instituts an der Fachhochschule Köln, Campus Gummersbach, die Ergebnisse und Handlungsempfehlungen einer Studie zur beruflichen Eingliederung von Alleinerziehenden im Oberbergischen Kreis vor. Befragt wurden über 220 vorwiegend arbeitslose Alleinerziehende zu ihrer Lebenssituation und ihren beruflichen Wiedereinstiegserfahrungen.

Herr Professor Stumpf, es gibt kaum regionale Studien zur beruflichen Situation von Alleinerziehenden. Was war der Anlass im Oberbergischen Kreis, die Lebenssituation von Alleinerziehenden zu untersuchen und Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der beruflichen Integration zu formulieren?

Professor StumpfDer Anstoß kam hier vom Netzwerk Wiedereinstieg, an dem verschiedene kommunale Akteure wie Jobcenter und Wirtschaftsförderung beteiligt sind. Die Arbeitsmarktstatistiken im Oberbergischen Kreis haben gezeigt, dass die Alleinerziehenden vom Rückgang der Arbeitslosigkeit am wenigsten profitieren konnten und am schwierigsten in den Arbeitsmarkt zu integrieren sind. Dieser Personenkreis braucht offensichtlich besondere Unterstützung, um wieder in Arbeit zu kommen. Die Studie sollte deshalb Erfahrungen, Probleme und Bedarfe von Alleinerziehenden ermitteln und Impulse geben, um Maßnahmen zur beruflichen Eingliederung und zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu entwickeln. Dafür haben wir zwei Gruppen von Alleinerziehenden mit Hilfe einer Fragebogenaktion und vertiefenden Einzelinterviews befragt. Zum einen waren das vorwiegend alleinerziehende Frauen, die Arbeitslosengeld II beziehen. Zum anderen haben wir eine kleinere Gruppe von berufstätigen Alleinerziehenden befragt, um im Vergleich zu sehen, wie sie die schwierige Situation bewältigen.

Zu welchen Befunden sind Sie gekommen, was kennzeichnet die Lebenssituation von Alleinerziehenden?

Das Hauptergebnis ist wohl dieses: Die Alleinerziehenden wollen sehr gerne arbeiten. Eine berufliche Tätigkeit ist für rund 90 Prozent der Befragten von wichtiger bis sehr wichtiger Bedeutung und eine genauso zentrale Aufgabe wie die Betreuung der Kinder. Die Motivation in Arbeit zu kommen, den eigenen Lebensstandard zu verbessern, unabhängig von Sozialleistungen zu werden und auch ein Vorbild zu sein für die eigenen Kinder - diese Mentalität ist stark ausgeprägt, das ist in unserer Studie überdeutlich geworden.
Auf der anderen Seite haben wir eine große Lebensunzufriedenheit vor allem bei denjenigen festgestellt, die von Arbeitslosengeld leben müssen. In den Interviews beschreiben sich viele Frauen als erschöpft und ausgelaugt, ja sogar als unglücklich. Das macht einmal mehr deutlich, wie belastend die Situation von Alleinerziehenden tatsächlich ist.
Das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie stellt sich hier viel dringender und existentieller als bei anderen Beschäftigtengruppen. Betroffen sind auch die Kinder. Laut unserer Studie besuchen die Kinder von arbeitslosen Alleinerziehenden überproportional häufig die Hauptschule. Es besteht also die Gefahr, dass auch die Ausbildungssituation der Kinder durch die Arbeitslosigkeit beeinträchtigt wird.

Die Alleinerziehenden sind hoch motiviert, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Was macht ihre Vermittlung in Arbeit dennoch so schwierig?

Was Berufserfahrung und Schulabschluss angeht, stehen die Frauen gut da. Die meisten der Befragten verfügen über eine Berufsausbildung, haben im Schnitt sieben Jahre Berufserfahrung und das Spektrum der Berufe ist sehr vielseitig. Die Befragten fordern nicht unbedingt eine bessere Vermittlung durch die Arbeitsagentur ein. In erster Linie wünschen sie sich ein größeres Verständnis und auch mehr Mut von Arbeitgeberseite, Alleinerziehende einzustellen. Unternehmen, so die Wahrnehmung der Frauen, müssten weniger Vorbehalte gegenüber Alleinerziehenden pflegen. Sie sind keineswegs weniger verlässlich oder belastbar als andere Mitarbeitergruppen. Das bestätigen unsere Interviews mit den berufstätigen Müttern. Sie zeigen viel Eigeninitiative und können Beruf und Familie vereinbaren, weil sie von Arbeitgeberseite viel Entgegenkommen erfahren und die Arbeit flexibel und familienverträglich gestalten können. Unternehmen können sich also, wenn sie wollen, sehr gut auf die Bedürfnisse von Alleinerziehenden einstellen.

Um die berufliche Integration zu verbessern, haben Sie eine Reihe von Handlungsempfehlungen formuliert. Was ist notwendig, damit Alleinerziehende nicht die Verliererinnen auf dem Arbeitsmarkt bleiben?

Ein entscheidender Punkt ist sicher, möglichen Vorbehalten von Arbeitgebern aktiv zu begegnen. Bei der beruflichen Wiedereingliederung kommt ihnen eine entscheidende Funktion zu. Als Reaktion auf die Studie startet der Oberbergische Kreis jetzt im Herbst eine Kampagne, um das Image von Alleinerziehenden gegenüber möglichen Arbeitgebern zu verbessern. In einer Nachfolgestudie wollen wir außerdem die Unternehmensseite genauer beleuchten und untersuchen, wie Unternehmen für diese hochmotivierte und in der Regel gut ausgebildete Beschäftigtengruppe sensibilisiert und gewonnen werden können.
Der Wunsch nach Teilzeitarbeit ist unter Alleinerziehenden besonders groß und ein weiterer wichtiger Faktor, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Hierbei gilt die Regel: Je kleiner die Kinder, desto größer das Bedürfnis nach Teilzeitarbeit. In den Kommunen wird es zugleich darauf ankommen, die Kinderbetreuungsmöglichkeiten auszubauen und qualitativ gute Betreuungsangebote auch an den Nachmittagen zur Verfügung zu stellen.
Nach unserer Befragung sind Alleinerziehende vielfach auf sich selbst gestellt und fühlen sich sozial isoliert. Großeltern stehen selten zur Unterstützung bereit und die Väter erweisen sich bei der Kinderbetreuung nicht als verlässliche Partner. Insofern ist es empfehlenswert, wenn Kommunen den Ausbau sozialer Netzwerke von Alleinerziehenden unterstützen und Möglichkeiten zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch schaffen.

Die Lebenssituation von Alleinerziehenden ist schwierig. Wie groß ist der Wunsch nach zusätzlichen Beratungsangeboten?

Alleinerziehende brauchen professionelle Begleitung und Beratung, das haben wir als Handlungsempfehlung deutlich formuliert. Angesichts der hohen Lebensunzufriedenheit sollte verstärkt Unterstützung angeboten werden. Das kann Beratung bei Familien- und Erziehungsproblemen sein, aber auch bei rechtlichen Fragen, wenn der Unterhalt nicht gezahlt wird. Wenn die Lebenszufriedenheit so schlecht ist, wie wir festgestellt haben, dann ist auch psychologische Unterstützung notwendig und hilfreich. Die Frauen sollten dabei ermutigt werden, vorhandene Hilfen rechtzeitig in Anspruch zu nehmen.
Zweifellos braucht es für diese Gruppe geeignete Unterstützungsmaßnahmen und in Schulungen sollte vermittelt werden, wie berufstätige Alleinerziehende produktiv mit Belastungen und Krisensituationen umgehen können.

Infos und Linktipps

Herausgeber der Studie ist die Wirtschaftsförderung des Oberbergische Kreises. Den Abschlussbericht können Sie hier herunterladen. Eine zweite Studie befragt Unternehmen zur Beschäftigung von Alleinerziehenden und steht ebenfalls als Download bereit.

Das Netzwerk W im Oberbergischen Kreis ist Teil der Landesinitiative Netzwerk W - Förderung der Aktivitäten regionaler Netzwerke zur Unterstützung der Berufsrückkehr.

 

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