Flexible Arbeitszeiten – Interview
„Zeitbüro FOM“: Bundesweite Koordinations- und Anlaufstelle
Flexible Arbeitszeiten sind ein wichtiger Faktor zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen sowie zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Das „Zeitbüro FOM“, ein Projekt der Fachhochschule für Oekonomie und Management (FOM), dient als zentrale Koordinations- und Anlaufstelle für das Thema „flexible Arbeitszeiten“ und führt so die Arbeit des ehemaligen „Zeitbüro NRW“ bundesweit fort. Gefördert wird das „Zeitbüro FOM“ vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Rahmen der Initiative INQA sowie vom Land Nordrhein-Westfalen mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Wissenschaftliche Leiterin des „Zeitbüro FOM“ ist Prof. Dr. Ulrike Hellert.
Frau Professor Hellert, viele Jahre war das „Zeitbüro NRW“ bei Fragen zur Arbeitszeitgestaltung erste Adresse für Unternehmen in NRW. Dessen Funktion und Serviceleistungen wird zukünftig das „Zeitbüro FOM“ übernehmen, und zwar bundesweit. Was war der Anlass für die „Expansion“?
Die erfolgreiche Arbeit des „Zeitbüro NRW“ hatte schon lange überregionale Aufmerksamkeit und Anerkennung gefunden. Angesichts der zunehmenden Bedeutung des Themas „Arbeitszeitgestaltung“ war es nur konsequent, dass sich das Bundesministerium für Arbeit und Soziales für eine Ausweitung des Angebots engagiert hat. Damit sind wir zukünftig bundesweit die einzige neutrale Einrichtung, die sowohl für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wie auch für Arbeitgeber Informationen rund um das Thema Arbeitszeit bereithält. Fachlich begleitet wird das Zeitbüro von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Projektträger ist die Gesellschaft für soziale Unternehmensberatung mbH (gsub).
Was ist Ihre Aufgabe, was ist Ihre Funktion?
Unsere Hauptaufgabe wird sein, Betrieben und Beschäftigten auf der Basis rechtlicher Regelungen und arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse Empfehlungen zur Arbeitszeitgestaltung auszusprechen, um sowohl die Flexibilität für die Unternehmen zu erhöhen wie auch die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten zu verbessern. Dabei weisen wir darauf hin, wie wichtig es ist, Arbeitszeitmodelle partizipativ zu entwickeln, also alle betrieblichen Akteure zu beteiligen und über das Ausbalancieren unterschiedlicher Interessen zu fairen Kompromissen zu kommen. Literatur zu diesem Themenfeld gibt es zwar viel, aber die Unternehmen und ihre Beschäftigten wünschen sich meist neutrale, objektive und vor allem persönliche Ansprechpartner.
Welche konkreten Dienstleistungen umfasst das inhaltliche Angebot des „Zeitbüro FOM“?
Erfolgreiche Bausteine aus unserem Service-Angebot als „Zeitbüro NRW“ werden wir beibehalten. Dazu zählt, dass Beschäftigte und Unternehmen bei uns detaillierte und zuverlässige Auskunft bekommen zu allen Fragen rund um das Thema Arbeitszeitgestaltung. Bei dieser meist telefonischen Erstberatung geht es nach unseren Erfahrungen um Fragen wie „Was ist überhaupt Vertrauensarbeitszeit?“, „Gibt es ein Gesetz, das Obergrenzen bei der Arbeitszeit festlegt?“ oder „Wie viele Nachtschichten dürfen Beschäftigte in Folge leisten?“. Eine Umsetzungsberatung aber führen wir auch weiterhin nicht durch.
Nähere Informationen erhalten interessierte Beschäftigte, Personalverantwortliche, Mitarbeitervertretungen oder Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zudem über unsere hauseigenen Publikationen, über unseren Newsletter und unsere neu eingerichtete Internetseite sowie über eine Vielzahl von Praxisbeispielen. Sie verdeutlichen, wie unterschiedlich optimale Lösungen im jeweiligen Einzelfall aussehen können. Darüber hinaus bieten wir zum Teil kostenfreie Informationsveranstaltungen und auch unsere erfolgreiche Veranstaltungs-Serie „Know-how-Transfer“ werden wir fortführen. Das heißt: Mit dem Zeitbüro FOM steht für Nordrhein-Westfalen auch weiterhin ein spezielles, auf die Bedarfe der genannten Adressaten zugeschnittenes Angebot zur Verfügung.
Neu im Vergleich zum „Zeitbüro NRW“ ist, dass wir Informationen zum Thema „flexible Arbeitszeiten“ über die verschiedenen Standorte der FOM bundesweit in die Fläche transportieren. Dazu werden wir in einigen unserer Studienzentren vor Ort Dozenten und Hochschullehrer qualifizieren und damit zugleich das Thema Arbeitszeitgestaltung in die Lehre integrieren. Da die FOM eine Hochschule für Berufstätige ist, können wir viele Fach- und Führungskräfte erreichen, die in ihrem Arbeitsalltag immer wieder mit dem Thema Arbeitszeit konfrontiert sind.
Sie sprechen den Arbeitsalltag an: Wird nicht genau dort sichtbar, dass Arbeitszeitgestaltung „nur“ ein Teilaspekt von „Arbeitsgestaltung“ ist und deshalb immer im Kontext betrachtet werden muss?
Völlig richtig. Wir haben in Nordrhein-Westfalen durch die vom Land NRW geförderte Potentialberatung immer wieder aufzeigen können, dass im Thema Arbeitszeit mehr steckt als beispielsweise die bloße Schichtplanerstellung. Vielmehr haben Arbeitszeiten auch etwas mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu tun. Außerdem müssen wir die Arbeitszeit aufgrund des demografischen Wandels alternsgerecht gestalten und stärker auf Arbeitszeiten achten, die sich an unterschiedlichen Lebensphasen orientieren.
Arbeitszeit darf also nie isoliert, sondern muss immer – wie das bei der Potentialberatung der Fall ist – im Gesamtzusammenhang betrachtet werden, nur so können Synergien entstehen. Manche Personalverantwortliche unterschätzen das Potential der Arbeitszeitgestaltung sowie Sinn und Zweck einer ganzheitlichen Betrachtung. Ganz konkret erinnere ich mich an ein Unternehmen, dem es mit der Änderung seiner Schichtpläne endlich gelungen ist, sein komplexes Arbeitszeitsystem optimal mit der hohen Zahl an Weiterbildungstagen zu kombinieren. Das heißt: Auch Qualifizierungsstrategien und Arbeitszeiten können aneinander gekoppelt sein.
Gewinnt flexible Arbeitszeitgestaltung vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels noch an Bedeutung?
Mit Sicherheit! Der wachsende Fachkräftebedarf wird den Bedarf an familienbewussten Arbeitszeitregelungen erhöhen, weil sich Eltern zunehmend für Beruf und Familie entscheiden oder weil Menschen ihre Angehörigen pflegen müssen. Das Thema auf Frauen zu reduzieren hieße, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen, denn immer mehr Männer wollen sich um ihre Kinder kümmern und deshalb für gewisse Lebensphasen ihre Arbeitszeit auch mal reduzieren oder selbstbestimmter organisieren.
Auf der anderen Seite haben wir das dramatisch zunehmende Problem der psychischen Belastungen, die nach aktuellen Studien vor allem auf Zeitdruck, zunehmende Arbeitskomplexität und störende Arbeitsunterbrechungen zurückzuführen sind. Manchmal ist es eine Frage des Projektmanagements, oft aber auch eine Frage der Arbeitszeitregelung. Vertrauensarbeitszeit kann hier eine Lösung sein, wobei Schutzmechanismen greifen müssen, um zu klären, was in der zur Verfügung stehenden Arbeitszeit erledigt werden kann und soll.
Sind Unternehmen mit moderner Arbeitszeitgestaltung auch wirtschaftlich erfolgreicher?
Eindeutig „ja“! Um nur ein Beispiel zu nennen: Die vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebene „Prognos“-Studie hat festgestellt, dass eine gute flexible Arbeitszeitregelung für junge Beschäftigte ein wesentlicher Faktor bei der Entscheidung für einen Arbeitgeber ist. Moderne, beschäftigtenorientierte Arbeitszeitregelungen haben also für die Personalrekrutierung und -bindung eine enorm hohe Bedeutung. Zudem hat die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise deutlich gemacht, dass flexible Arbeitszeiten und hier speziell Arbeitszeitkonten helfen können, Konjunkturtäler besser zu überwinden und etwa die Einführung von Kurzarbeit zumindest hinauszögern. Doch vor allem in kleinen und mittelständischen Unternehmen besteht Nachholbedarf beim Thema Arbeitszeitgestaltung, aber es gibt auch genug große Unternehmen, die ihre Schichtpläne noch deutlich verbessern könnten. Ihnen allen ist eine Kontaktaufnahme zum „Zeitbüro FOM“ nur zu empfehlen.


