Projekt "Fit im Betrieb für Jung und Alt"
Berufswegeplanung als Instrument betrieblicher Gesundheitspolitik
Gesundheitsförderung mit Berufswegeplanung verknüpfen und so einen Beitrag zur Fachkräftesicherung leisten - das war das Ziel des Projekts „Fit im Betrieb für Jung und Alt - Berufswegeplanung als Instrument betrieblicher Gesundheitspolitik“. Die im Projekt entstandenen Produkte, darunter eine Handlungshilfe für betriebliche Praktikerinnen und Praktiker zur Gestaltung gesundheitsorientierter Berufswegekorridore, stehen jetzt interessierten Unternehmen zur Verfügung. Gefördert wurde das sozialpartnerschaftliche Projekt des Unternehmensverbands der Metallindustrie für Dortmund und Umgebung e. V. und der IG Metall Dortmund vom Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW im Rahmen der ESF-Landesarbeitsmarktpolitik. Einbezogen waren die Barmer GEK sowie die Berufsgenossenschaft Holz und Metall. Moderiert wurde das Projekt von der Dortmunder Soziale Innovation GmbH und CE Consult.
Das Durchschnittsalter der Beschäftigten steigt. In der Metall- und Elektroindustrie des Ruhrgebiets etwa wird der Anteil der über 50-Jährigen schon bald bei bis zu 50 Prozent liegen. Gleichzeitig wächst der Bedarf an Fachkräften. Was also bleibt den Betrieben Anderes, als die Gesundheit und damit die Leistungsfähigkeit ihrer jungen wie älteren Beschäftigten langfristig zu erhalten? Eine rhetorische Frage, die Antwort liegt auf der Hand: „Präventive Konzepte sind erforderlich! Sie müssen die bestehenden kurativen Ansätze ergänzen, die lediglich gesundheitsfördernde Defizite der Vergangenheit ausgleichen sollen“, ist Helen Schulte-Muschkiet, Mitarbeiterin der Soziale Innovation GmbH, überzeugt. „Nur so lässt sich die Beschäftigungsfähigkeit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern über den gesamten Berufsverlauf sichern.“
Entwicklung von Berufswegekorridoren
Oberstes Ziel des Projekts „Fit im Betrieb für jung und alt“ war deshalb, Berufslaufbahnen in den Betrieben zu etablieren, die insbesondere den Aspekt Gesunderhaltung berücksichtigen und so „gesundheitserhaltende Berufswegekorridore“ schaffen. Kernidee dabei ist, die aus unvermeidlichen Belastungen am Arbeitsplatz resultierenden Erkrankungen und Leistungsminderungen, die auch bei Erfüllung aller verbindlichen Anforderungen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes auftreten können, weitestgehend zu reduzieren. Dazu wechseln Beschäftigte möglichst rechtzeitig von einem besonders belastenden auf einen anderen Arbeitsplatz. Treten in der neuen Funktion andere, ebenfalls hohe Belastungen auf, ist nach einer gewissen Zeit ein weiterer Wechsel notwendig. Helen Schulte-Muschkiet: „Insgesamt ergibt sich so innerhalb eines Berufslebens eine Abfolge von Veränderungen in neue Tätigkeiten, die der Gesunderhaltung Rechnung tragen, wobei der innerbetriebliche Wechsel vom Unternehmen in Kooperation mit den Beschäftigten und dem Betriebsrat zu organisieren wäre.“
Ausgangspunkt bei der Entwicklung „gesundheitserhaltender Berufswegekorridore“, die horizontal wie vertikal verlaufen können, ist eine differenzierte Belastungsanalyse an allen Arbeitsplätzen. Weil aufwendige Untersuchungen und Messungen jedoch die Ressourcen der meisten Betriebe überfordern, hat die Soziale Innovation GmbH mit Unterstützung der Berufsgenossenschaft Holz und Metall sowie der Barmer GEK ein neues Instrument entwickelt, das „EDV-Tool zur Belastungsbewertung“. Dabei wurden zunächst die verschiedenen Belastungsdimensionen eines Arbeitsplatzes von Experten erfasst. Auf dieser Basis erstellte das Tool automatisch Arbeitsplatzkarten, die - ähnlich einer Ampel - das Ausmaß der Belastungen anzeigen: „Grün“ bedeutet „geringe Belastung“, „Gelb“ heißt „Aufpassen!“ und „Rot“ signalisiert: „Achtung! Hohe Belastung!“ So entstand ein anschauliches Kataster der innerbetrieblichen Belastungssituation, mit dem sich betriebliche Belastungsschwerpunkte identifizieren lassen.
Parallel dazu erstellten die Projektverantwortlichen eine „Kompetenzmatrix“, ein Profil aller berufsrelevanten Kompetenzen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Beides zusammen, Betriebskataster und Kompetenzmatrix, bildeten die Grundlage für die Entwicklung gesundheitsförderlicher Berufswegekorridore – diskutiert und weiterentwickelt mit den betroffenen Beschäftigten in gemeinsamen Workshops.
Ein Beispiel: Die Wicke GmbH + Co. KG in Sprockhövel
Eins der sechs am Projekt beteiligten Unternehmen war die Wicke GmbH + Co. KG in Sprockhövel, Hersteller von Schwerlast-Rädern, Lenkrollen und Bockrollen für Transportgeräte. Hier hatte eine zuvor durchgeführte Altersstrukturanalyse ergeben, dass 30 Prozent der insgesamt 250 Beschäftigten über 50 Jahre alt sind, in zehn Jahren, so die einfache Hochrechnung, werden schon mehr als 50 Prozent über dieser Altersgrenze liegen. „Dass wir so viele langjährige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben, ehrt uns natürlich“, analysiert Peter Steinmann, Leiter des Personalwesens Wicke GmbH + Co. KG, nüchtern, „aber das bringt auch Probleme mit sich, denn die Arbeit an vielen unserer Arbeitsplätze ist nicht leicht. Weil wir heute nicht mehr nur Einzelteile herstellen, sondern auch Systemkomponenten, sind die Belastungen an diesen Arbeitsplätzen im Lauf der Jahre noch einmal gestiegen.“
Schon früh hat das Unternehmen darauf mit ergonomischen Verbesserungen und der Einführung eines systematischen betrieblichen Gesundheitsmanagements reagiert. Die Erkenntnisse aus dem Projekt, so der Personalleiter, „haben uns in unserem Vorgehen bestärkt.“ So ist heute dafür gesorgt, dass die Beschäftigten in altersgemischten Teams zwischen unterschiedlichen Tätigkeiten rotieren.
Peter Steinmann nennt ein Beispiel: „In einer Arbeitsgruppe gießen Mitarbeiter bei der Fertigung von Polyurethanreifen flüssigen Kunststoff in eine Form, die um eine Felge angebracht ist. Später muss ein weiterer Mitarbeiter der Gruppe die Felge mit dem erhärteten Material aus dem Ofen nehmen. Beides sind schwierige und belastende Tätigkeiten. Ein anderer Mitarbeiter säubert anschließend Rad und Reifen und ein weiterer übernimmt zum Abschluss den Transport.“ Bei der Wicke GmbH ist der Arbeitsprozess jetzt so organisiert, dass die Beschäftigten dieser Gruppe sich regelmäßig in kurzen Abständen in ihrer Arbeit abwechseln, einseitige physische Dauer-Belastungen werden so vermieden. „Die Umstellung der Arbeitsorganisation ist zwangsläufig mit Qualifikationen verbunden“, ergänzt der Personalmanager das Konzept, „denn jeder Einzelne muss fähig sein, jede der genannten Tätigkeiten auszuüben.“
Sozialpartnerschaftliches Projekt
„Fit im Betrieb“ - das war ein Projekt „mit der Praxis und für die Praxis“, nicht zuletzt erkennbar daran, dass die im Projekt entwickelten Produkte nunmehr auch anderen Unternehmen der Branche zur Verfügung stehen. Dazu gehören neben dem „EDV-Tool zur Belastungsbewertung“ ein Fragebogen sowie der „Ordner für Praktiker“. Er enthält neben einer Beschreibung zum idealtypischen betrieblichen Einsatz des Instruments auch Unternehmensbeispiele. Sie zeigen, wie und mit welchen Ergebnissen sich das Thema in die betrieblichen Strukturen und Abläufe integrieren lässt. Sämtliche Arbeitshilfen stehen zusätzlich in elektronischer Form als CD zur Verfügung. Ein weiteres im Projekt entwickeltes Produkt ist die Broschüre „Selbstcheck zu Belastungen im Berufsleben“. Damit lernen Beschäftigte, die verschiedenen Arten arbeitsbedingter Belastungen zu erkennen und Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Am praktischen Nutzen der Tools zeigt sich nach Auffassung von Marcel Beller, Verbandsingenieur beim Unternehmensverband der Metallindustrie für Dortmund und Umgebung, die Bedeutung und Wirksamkeit sozialpartnerschaftlich organisierter Projekte. „Gewerkschaften sehen ein Problem mitunter etwas anders als wir. Wichtig aber ist, dass wir das Problem - in diesem Fall den Zusammenhang von Gesunderhaltung und Fachkräftesicherung - gemeinsam in den Blick nehmen und lösen. Im Übrigen erhöht die Beteiligung der Gewerkschaft die Akzeptanz der Ergebnisse in der Belegschaft. 'Fit im Betrieb' war nicht unser erstes sozialpartnerschaftliches Projekt und wird auch nicht das letzte sein.“
Eine Einschätzung, die Hans-Jürgen Meier, 1. Bevollmächtigter der IG Metall in Dortmund teilt: „Arbeitgeber und Betriebsräte müssen das Problem gemeinsam angehen. Wir haben uns - und dazu gehören auch die Berufsgenossenschaft und die Barmer GEK - vorgenommen, weiterhin gemeinsam zu überlegen, wie wir das Thema in die Region streuen können, damit auch andere Unternehmen der Branche und ihre Beschäftigten von dem Projekt profitieren.“
Ein kooperatives Vorgehen, das Personalchef Peter Steinmann von der Wicke GmbH nur unterstützen kann: „Es gibt Unternehmen, die eine so enge Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Gewerkschaften skeptisch sehen. Aber das sind Ansichten von gestern, völlig ungeeignet für die Bewältigung zukünftiger Herausforderungen wie etwa der Fachkräftesicherung!“
Produkte zum Thema „Gesund durchs Berufsleben“, die im Rahmen des Projekts „Fit im Betrieb für Jung und Alt“ entstanden sind:
Broschüre: Selbstcheck zu Belastungen in Ihrem Berufsleben
Die Broschüre steht zum Herunterladen bereit oder kann bestellt werden bei der Soziale Innovation GmbH (per Mail info@soziale-innovation.de oder telefonisch 0231/88 08 64-20).
Ordner: Handlungshilfe für betriebliche Praktiker zur Gestaltung von gesundheitsorientierten Berufswegekorridoren
- inkl. Beispiele guter Praxis zur Gestaltung gesundheitsorientierter Berufswegekorridore
- inkl. Schulungsreihe und Arbeitshilfen
- inkl. Fragebogen und EDV-Tool zur Belastungsbewertung
Der Ordner kann zum Preis von 15,00 EUR (zzgl. Versandkosten, so lange der Vorrat reicht) bei der Soziale Innovation GmbH bestellt werden (per Mail info@soziale-innovation.de oder telefonisch 0231/88 08 64-20).


